Ausverkauft
Steffel | 3. April 2011 | 734 mal gelesenBei der Überschrift und dem Bezug zu Japan in der jetzigen Zeit könnte man schnell auf die Idee kommen, dass ich jetzt etwas über die Hamsterkäufe der Leute zum Beispiel in Tokio schreiben möchte. Aber weit gefehlt!
Am vergangenen Dienstag gab es hier in Osaka ein großes Ereignis, zu dem unzählige Fußballinteressierte gerne gegangen wären, wenn es genügend Karten gegeben hätte. Leider waren die insgesamt 47.000 Karten (so habe ich es jedenfalls gehört) innerhalb einer Stunde restlos ausverkauft. Ich kann von großem Glück reden, dass ich eine (in letzter Zeit) Fußball begeisterte Frau an meiner Seite habe, die sich im Internetverkauf gegen viele Tausende Menschen durchsetzen konnte. Somit konnten wir also an diesem Dienstagabend ins Nagai-Stadion gehen, wo die japanische Nationalmannschaft gegen eine Auswahl der J-League zu einem Benefizspiel für die Opfer des Erdbebens und des Tsunami trafen. Um dort überhaupt hingehen zu können, musste ich auch ein wenig tricksen und meine Termine etwas verschieben. Zum Glück habe ich es am Tag zuvor noch irgendwie geschafft, so dass nichts mehr im Wege stand.
Als wir zum Stadion kamen, waren die meisten Zuschauer schon anwesend, obwohl wir auch immerhin eine Stunde vor Anpfiff dort ankamen. Wir hatten großes Glück, dass wir noch zwei freie Plätze direkt hinter dem Tor ergattern konnten. Der junge Mann neben uns sagte, dass er schon seit 15 Uhr (also über vier Stunden vor Anpfiff) auf seinem Sitz verharrte.
Vor dem eigentlichen Spiel gab es natürlich noch ein kleines Vorprogramm. Die Nationalhymne wurde von Kuraki Mai gesungen und es wurde eine Schweigeminute eingelegt. Das ganze Stadion war plötzlich mucksmäuschenstill. Ich schloss meine Augen und machte mir Gedanken um Fukushima und die Präfekturen, die von den beiden großen Naturkatastrophen betroffen sind. Dabei kam bei mir dann schon große Trauer auf und ich konnte mir die Tränen geradeso noch verkneifen. Im alltäglichen Leben sieht es da schon ganz anders aus. Ich kann alles mit einem recht großen Abstand betrachten. Damit meine ich nicht (nur) den räumlichen Abstand von rund 700km. Es ist schon erstaunlich, wie der Mensch Probleme und Sorgen verdrängen kann.
Nach genau 60 Sekunden kam das Signal, dass das Ende der Schweigeminute bedeutete, und sofort wurde es wieder sehr laut im Stadion. Die Fans in der Nordkurve schwingen die Fahnen und sangen dazu viele verschiedene Lieder. Die Fans in der Südkurve waren dagegen etwas gemäßigter.
Wenig später kam es dann zum Anpfiff. Und das Spiel begann gleich sehr rasant mit einem guten Angriffsversuch von Honda Keisuke, der gebürtig aus dieser Region stammt und bei den Japanern sehr beliebt ist.
Nur wenig später fiel dann auch schon das erste Tor für die japanische Nationalmannschaft. Endo Yasuhito, der für Gamba Osaka spielt, erzielte mit einem herrlichen Freistoß die Führung für die Nationalelf. Vielleicht hätte ein Oliver Kahn den Ball abwehren können. Aber das sind nur vage Spekulationen ![]()
Den Samurai Blue, wie die japanische Nationalmannschaft auch genannt wird, wurde wenig später ein weiterer Freistoß zugesprochen, den diesmal aber Honda Keisuke ausführen sollte. Dieser scheiterte aber kläglich. Der Ball flog weit über das Tor. Na so einen Schuss hätte ich wohl auch noch hinbekommen.
Der Stuttgarter Okazaki Shinji machte es nur wenig später besser, indem er einen sehr guten Pass mit einen kleinen Heber ins Tor versenkte und somit die Führung auf 2:0 erhöhte. Bis zur Pause passierte dann nicht mehr viel. Die J-League Allstars waren sehr bemüht, den Ausgleich zu erzielen, kamen aber oftmals nicht bis in den Strafraum. Wenn doch, war dort neben der heute gut aufgelegten Nr.1 im Tor, Kawashima Eiji, auch noch eine sichere Abwehr.
In der zweiten Halbzeit verflachte die Partie etwas. Das lag wohl größtenteils an den vielen Auswechslungen zur und während der Halbzeit. Fast die komplette Nationalmannschaft wurde ausgewechselt. Und somit bekamen die Nachwuchsspieler auch noch eine Chance, sich zu beweisen.
Gegen Mitte der Halbzeit kam dann der Nationalheld und Rekordtorschütze Miura Kazuyoshi, der auch King Kazu genannt wird, unter tobenden Applaus ins Spiel. Schon zuvor hatten wir das Glück, dass er sich auf unserer Seite einige Minuten lang aufwärmte und gelegentlich in unsere Richtung winkte.
Der mittlerweile schon 44-jährige, der immer noch in der 2. japanischen Liga aktiv ist, machte einen guten Eindruck und konnte sich auch das ein oder andere Mal gegen die aktuellen Nationalspieler im Zweikampf durchsetzen.
Vor dem Spiel hatte er versprochen, bei einem Tor einen Tanz vorzuführen. Und wie es der Zufall (oder die Absprache) wollte, erzielte er noch den Ehrentreffer für die Allstars, so dass die Zuschauer in den Genuss seiner Tanzkünste kamen.
Das Spiel endete schließlich nach einminütiger Verlängerung mit 2:1 für die Nationalmannschaft. Auf manch einer deutschsprachigen Seite (www.goal.com) wurde als Ergebnis auch ein 2:2 angegeben, obwohl sogar im gleichen Artikel behauptet wurde, nach dem Spiel direkt mit den Spielern ein Interview geführt zu haben. Da frage ich mich wirklich, wie es zu so einem peinlichen Fehler kommen kann. Dabei handelte es sich nicht um einen einfachen Schreibfehler, denn im gleichen Satz wurde auch noch das Wort „Unentschieden“ erwähnt.
Da könnte man gleich auch auf die äußerst gelungene und seriöse Berichterstattung vieler deutscher Medien (schönen Gruß an Herrn Hetkämper & Co…) zurückkommen. Anscheinend gibt es doch noch ein paar Paralleluniversen, wo das Leben ein wenig anders abläuft als in dieser Welt…



Nach dem Spiel gab es dann noch die üblichen Interviews mit den besten Spielern beider Mannschaften und den beiden Trainern. Anschließend drehten alle Beteiligten eine Runde durch das Stadion. Sie hielten zwei mit Schriftzügen bedruckte Planen. Eine auf Japanisch, die andere auf Englisch. Sie bedankten sich für die Hilfe der Menschen aus aller Welt.
Übrigens haben Andreas Neuer, Bastian Schweinsteiger und auch Thomas Müller vor dem Spiel eine Videobotschaft an die Zuschauer übermittelt.
Das Benefizspiel brachte mit den knapp über 40.000 Zuschauern etwa 6 Millionen Yen ein. Das ist natürlich super, aber aufgrund der enormen Ausmaße der Katastrophe nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Trotzdem, war es eine gelungene Aktion und ich begrüße die Entscheidung vom FC Bayern München, ein weiteres Benefizspiel hier in Japan auszutragen. Hoffentlich findet dieses dann auch hier in Osaka statt. Dann bin ich wieder dabei!
Wort des Tages: 黙祷 (mokutō = stille Andacht, also sozusagen: Schweigeminute)





