Frauenwaggons
Steffel | 26. Juli 2008 | 2.343 mal gelesen
In Japan gibt es die sogenannten 女性専用者 (joseisenyōsha), also Wagen nur für Frauen, die in den Stoßzeiten am Morgen und am Abend für Männer tabu sind. Diese sind sowohl mittels eines kleinen Aufklebers am Waggon als auch auf dem Boden des Bahnsteigs markiert. Da die Züge (fast) immer genau an der gleichen Stelle zum Stehen kommen, können sich die Frauen, die in so einen Wagen einsteigen wollen, dort der Reihe nach anstellen.
Grund für diese Waggons sind Männer mit zu stark ausgeprägten haptischen Bedürfnissen, die sie gerne an fremden Frauen befriedigen wollen. Sprich: Frauen sexuell berühren, um sich daran aufzugeilen. Diese Männer werden auch als 痴漢 (chikan = Triebtäter) bezeichnet. Und davon scheint es ja jede Menge zu geben. An jedem Bahnhof wird bei der Abfahrt des Zuges stets darauf hingewiesen, dass man auf solche Sittlichkeitsverbrechern Acht geben soll.
Selbstverständlich handelt es sich bei diesen unschönen Aktionen um eine Straftat, doch viele Frauen trauen sich leider nicht, bei den anderen Fahrgästen um Hilfe zu bitten oder laut auf diese Berührung aufmerksam zu machen.
Ein Problem dabei ist aber auch, dass wenn eine Frau sich lautstark bemerkbar macht, oft keine Hilfe erhalten. Daher versuchen die meisten Frauen, sich unauffällig vom Grabscher zu entfernen.
Wenn eine Frau mal laut “Chikan” schreit, reden sich viele dann dabei heraus, dass es sich nur um eine zufällige Berührung handelte. Sollte sich das Opfer nach der ersten Berührung keine Reaktion zeigen, versucht es der Täter meist auf immer aggressivere Art und Weise.
Übrigens sind diese Frauenwaggons meist in der Nähe der (Roll)treppen, so dass sich die Frauen gleich in die wesentlich leeren Waggons stürzen können. Und das ist genau der Grund, warum ich jetzt dieses Beitrag schreibe. Vorgestern, auf dem Heimweg, musste ich mich beeilen, um den Zug noch zu erwischen. Ich rannte also die Treppen hinunter und stieg in den nächsten Waggon ein, den ich erblickte. Ich war froh, gleich einen Sitzplatz erwischt zu haben und machte mir absolut keinen Kopf um die anderen Fahrgäste. Zehn Minuten später viel mir dann plötzlich ein kleiner Aufkleber (siehe Foto)auf. Ich schaute mir die anderen Fahrgäste in der näheren Umgebung an und bemerkte, dass es sich bei ihnen wirklich ausschließlich um Frauen handelte.
Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken und ich schloss die Augen für knapp 30 Sekunden. Kurz vorm erreichen des nächsten Bahnhofs sprang ich auf und ging möglichst unauffällig zum nächsten Waggon. Dieser war natürlich knackevoll. Um ganz sicher zu gehen, kämpfte ich mich bis zum übernächsten Waggon durch. Als ich dann ausstieg, rannte ich schnell die Treppen runter und ab auf’s Fahrrad ![]()
Keine der Frauen im Abteil hatte mich irgendwie komisch angeschaut oder über mich mit einer anderen gesprochen. Jedenfalls konnte ich mit meinen noch recht begrenzten Japanischkenntnissen nichts vernehmen. Es setzten sich sogar Frauen direkt neben mich.
Da auch zwischenzeitlich ein älterer Mann durch den Wagen lief, schöpfte ich auch lange Zeit keinen Kontakt. Wahrscheinlich dachten die Frauen, dass ich als ausländischer Tourist nichts von solchen Frauenwaggons weiß. Dummerweise bin ich kein Tourist, sondern ein recht tolpatschiger Exil-Berliner, dem so etwas schon des Öfteren passiert ist.
Diesmal habe ich es aber wirklich erst sehr spät bemerkt…





