Amtliche Drahteseldiebe
Steffel | 27. September 2009 | 2.544 mal gelesenFast täglich schwinge ich mich auf mein Fahrrad und fahre quer durch die Stadt, um entweder zur Arbeit oder zu einer anderen Verabredung zu kommen. So auch am Freitagmorgen. Seit diesem Tag wird direkt am Umeda-Bahnhof gebaut und es stehen unzählige uniformierte Bahnangestellte herum, die den Massen von heranstürmenden Kaufleuten, Studenten, Hausfrauen usw. den Weg weisen müssen. Überall Menschen, lautes Geschrei (bitte halten Sie sich links… blablabla). Dort, wo ich mein Fahrrad sonst immer abgestellt habe, konnte ich es an diesem Tag leider nicht abstellen, da sich genau dort mehrere Bahnangestellte versammelt hatten. Also fuhr ich einmal ums Bahnhofsgelände und suchte mir schnell einen anderen Platz, da mir die Zeit davon lief.
Schnell eine Fahrkarte gekauft und ab in nördlich gelegene Senri-chuo. Von dort aus musste ich wie immer eine halbe Stunde durch spätsommerliche Vorstadtstraßen laufen, bis ich endlich mein Ziel – die Sprachschule – erreichte. Der ganze Aufwand nur für 60 Minuten Arbeit. Zurück ging es dann weitaus weniger stressig zu. Ich wurde zum Bahnhof gefahren und der Zug war auch angenehm leer, so dass ich ein wenig schlummern konnte.
Da ich nun ein wenig Zeit hatte, wollte ich schnell nach Hause fahren, um mich noch einmal frisch zu machen. Aber wo war das Fahrrad? Ich suchte die ganze Gegend ab. Vielleicht hatte ich es doch woanders abgestellt? Aber leider war dem nicht so. Unten auf dem Fußweg klebte ein zerfetzter Zettel, auf dem stand, dass genau an diesem Tag alle Fahrräder rund ums Bahnhofsgelände eingesammelt werden. Leider darf man seinen Drahtesel besonders im Stadtzentrum nirgendwo abstellen, außer natürlich auf gebührenpflichtigen Abstellplätzen… Bisher ging es immer gut. Leider nicht an diesem Tag.
Also musste ich nach Hause laufen, was natürlich meine Pause stark verkürzte. Gestern begab ich mich dann zuerst im Internet auf die Suche nach meinem Fahrrad. Auf dem zerfetzten Zettel stand die Adresse, wo die von der Stadt bezahlten “Fahrraddiebe” meinen roten Drahtesel entführt hatten. Natürlich befindet sich dieser Ort NICHT irgendwo in der Nähe, sondern irgendwo im Westen von Osaka und auch noch 20 Minuten zu Fuß vom nächstgelegenen Bahnhof (Bentenchou) entfernt.
Gestern Abend nach meinem Unterricht machte ich mich dann auf den Weg. Ich wusste, dass Bentenchou nicht gerade die beste Gegend von Osaka ist. Und die zwanzig Minuten zu Fuß bestätigten mich. Die Häuser und Straßen sind teilweise schon sehr schmutzig und es gibt viele ältere Männer, die nicht gerade so aussehen, als ob sie in Geld schwimmen würden. Na gut.. das tue ich ja auch nicht
Trotzdem ein wenig anders.
Übrigens war der Weg zum Abstellplatz spärlich, aber gut ausgeschildet. Sofern man ein wenig Japanisch versteht, kann man es leicht finden.
Auf dem Weg überholte mich ein kleiner Japaner (ein Mann), der es anfangs sehr eilig hatte. Nach und nach wurde er langsamer und schaute mehrmals nach hinten zu mir. Schließlich ließ er mich auch überholen. Als ich dann endlich den Fahrradabstellplatz erreicht hatte und durchs Tor marschierte, rannte er an mir vorbei und fragte auf brüchigem Englisch, ob ich denn auch mein Fahrrad abholen möchte. “Natürlich”, erwiderte ich. Er sprang zuerst ins kleine Gebäude, in dem ein paar ältere Männer saßen, die sich um die vielen Fahrräder kümmerten, die nach Abholtagen sortiert herumstanden. Schließlich kam einer der älteren Herrschaften zu mir und überreichte mir ein Formular, auf dem ich meinen Namen, Telefonnummer und Adresse ausfüllen sollte. Erstmal schrieb ich meinen Namen und Telefonnummer, da diese Infos einfacher zu schreiben sind
Als ich meine Adresse aufschreiben wollte, sagte der Alte, dass das nicht so wichtig sei. “Schreib irgendwas”, faselte er auf Japanisch. Also brach ich mittendrin ab und bezahlte die recht üppige Gebühr von 2.500 Yen (ca. 19 Euro).
Zusammen mit dem alten Mann begab ich mich zu den Fahrrädern, die am Freitag mitgenommen wurden. Mein wunderschönes rotes Fahrrad erkannte ich sofort. Es stand gleich in der ersten Reihe (und es waren viele Fahrräder dort!). Schlüssel reingesteckt, ob es denn auch wirklich mein Rad wäre. Der Alte entfernte den roten Zettel, der am Lenker befestigt war und drehte sich nach knapper Verabschiedung um.
Ich schwang mich auf mein Fahrrad und fuhr den weiten Weg quer durch Osaka nach Hause. Knapp eine Stunde war ich insgesamt unterwegs, wobei mich die unzähligen Ampeln und wirr durch die Gegend laufende bzw. fahrende Japaner viel Zeit kosteten.
Da ich nicht der einzige bin, der sein Fahrrad dort abholen musste, war es nicht besonders schwer, ein paar japanische Blogs zu finden, auf denen es sogar ein paar Fotos vom Weg und vom Abstellplatz gibt. Somit brauchte ich mir nicht die Mühe machen, ein paar Fotos zu schießen, sondern gebe euch einfach mal die Links:
- Blog 1 – Fotos vom Weg zum Abstellplatz
- Blog 2 – Fotos der vielen Fahrräder, die auf ihre Besitzer warten
Aus lauter Frust ging ich dann mit meiner besseren Hälfte in mein Lieblings-Izakaya und trank neben einem erfrischenden Bier auch noch Nigori-Sake, den ihr – wenn ihr mal in Japan seid – unbedingt probieren müsst.
Wort des Tages: 自転車保管所 (jitensha hokanjo = Fahrradaufbewahrungsort)





